Du fragst mich, warum ich Feministin bin?

Ein Beitrag zur Feminismus-Debatte.

Konferenz XY, ich schaue durch die Reihen, auf das Podium, zwischen den Gedanken klammert sich das Patriachat – bekannt als ältere Herren mit grauen Haaren und nicht perfekt sitzenden Anzügen – an ihren Sitzen, denken mitnichten daran, mir vielleicht auch einen Sitz auf dem Podium abzugeben, geschweige, in mein Gesicht zu schauen. Ihr Blick wandert von meinen Beinen zu meinen Kommilitonen. Nach der Konferenz XY, älterer Herr XY klopft meinem Kommilitonen auf die Schulter, toll, dass du hier bist junger Mann, sie versammeln sich, jung und alt, tiefes Lachen, ich stehe zwischen ihnen und irgendwie nicht, schaue um mich herum, auf dem Podium saß keine Frau. Was wohl passiert, wenn ich mit einer tiefen Stimme rede, nächstes Mal einen Hosenanzug trage? Einen Bart kann ich mir nicht wachsen lassen. Und du fragst mich, warum ich Feministin bin?

Einen Bart kann ich mir nicht wachsen lassen.

Podiumsdiskussion bei einem internationalen Think Tank über China, wieder nur Männer auf dem Podium, bin es leid, melde mich und frage, warum denn keine Frau mitdiskutiert, plötzliche Stille im Raum, ob die Kameras hinten die Konferenz weiter aufzeichnen? Dann der Moderator, findet seine Stimme wieder, leider hatte keine Frau Zeit gehabt, ein älterer Herr auf dem Podium ruft, er spräche für seine Frau mit, allgemeines Gelächter. Haha. Und du fragst mich, warum ich Feministin bin?

Nach einer Party, laufe mit einem Freund nach Hause, weil Frau nachts nicht alleine nach Hause laufen sollte, weil ich mein Pfefferspray umklammere, den ich gar nicht in dieser Situation in der Hand halten dürfte, weil er für Hunde und nicht für Menschen gedacht ist. Weil ich jedes Mal den Atem anhalte, wenn ein Auto auf der leer gefegten Landstraße an mir vorbeifährt. Weil Mutter immer gesagt hat, dass ich mit der Sonne nach Hause gehen sollte, wenn sie sich vom Tag verabschiedet und der Nacht die Bühne überlässt. Und du fragst mich, warum ich Feministin bin?

Weil ich jedes Mal den Atem anhalte, wenn ein Auto auf der leer gefegten Landstraße an mir vorbeifährt.

Organisation einer Konferenz, es geht um Fundraising, bin die Organisatorin, wir sind sechs, zwei Frauen und vier Männer. Ob ich denn nicht einfach mal einen tieferen Ausschnitt tragen könnte bei dem nächsten Termin, fragt ein Teammitglied. Vielleicht auch einen dunkleren Lippenstift? Die Männer lachen. Schließlich geht es um eine gute Sache und so könnte mehr Geld fließen. Dass ich auch einfach gut verhandeln könnte, darauf kommen sie nicht. Und du fragst mich, warum ich Feministin bin?

An der Universität, zwischen den Seminaren in der Pause am Kaffeeautomaten, unterhalte mich mit einem Kommilitonen darüber, was attraktiv für Männer an Frauen ist. Wie ich attraktiver auf XY wirken könnte. Da sagt er mir, dass mich die meisten Männer im Freundeskreis wie ein Mann sehen, weil ich sooft diskutieren würde, über Politik, weil ich an meinen Standpunkt festhalte, weil ich immer widersprechen müsste. Außerdem immer dieser Feminismus. Ich solle ihn bitte nicht falsch verstehen. Aber das ist halt nicht so attraktiv. Außerdem könnte ich zum Beispiel wie XX öfter Kleider tragen, Haare offen… Und du fragst mich, warum ich Feministin bin?

Außerdem immer dieser Feminismus. Ich solle ihn bitte nicht falsch verstehen. Aber das ist halt nicht so attraktiv.

Commission on the Status of Women (CSW61) in New York, über 2000 Frauen im Saal, eine unglaubliche Atomsphäre, wir sind uns einig, dass wir mehr Frauen brauchen, in allen Führungspositionen. Zwischen den Teilnehmerinnen sind aber kaum Männer, die diese Idee unterstützten. Natürlich, wer möchte auch freiwillig seine Machtposition abgeben? Und du fragst mich, warum ich Feministin bin?

Vor allem weiß ich aber, wie wichtig weibliche Vorbilder und Mentorinnen sind, weil sie zeigen, dass es möglich ist, weil sie gleichzeitig Ratschläge geben können, weil sie sich einmal selbst durchsetzen mussten. Weil sie mir vielleicht vom Podium in mein Gesicht schaut und wir uns danach auch darüber unterhalten könnten, wie toll es ist, dass wenigstens eine Frau auf dem Podium vertreten ist.

Und du, ausgerechnet du fragst mich, warum ich Feministin bin?

August 2017.
Fotoquelle: Lionel Allorge

 

Ein Kommentar zu „Du fragst mich, warum ich Feministin bin?

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  1. „Weil ich jedes Mal den Atem anhalte, wenn ein Auto auf der leer gefegten Landstraße an mir vorbeifährt.“

    Das ist wohl mehr ein psychologisches Angst Problem, als ein Grund für Feminismus.

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