Rosenblut

Über das Vermissen, den Konsum, schlechte Küsse, Apfelwein und Rosenblätter.

Dieser Text wurde veröffentlicht in:

  • „Gesammelte Werke“ – Jugend-Literaturpreis OVAG 2014

Auszeichnung:

  • Jugend-Literaturpreis 2013/14 der OVAG (Preisträgerin)

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Ich treffe mich mit Vera, das habe ich gesagt und die schwere Tür schnell hinter mir zugezogen. Keine Zeit für weitere Fragen, keinen Nerv für weitere Antworten. Einfach raus, natürlich mit Vera. 
Doch vor der Haustür wartet keine Vera, vor der Haustür stehe ich, allein. Mit dem süßen Duft der roten Rosen.
 Pflücke eine kleine – vergesse immer die Dornen. Zerreibe ein Rosenblatt, vermische es mit meinem Blut.

Manchmal ist es besser, alleine zu sein, als mit jemanden zusammen zu sein, der dir das Gefühl gibt, alleine zu sein.

Blick auf die leere Straße.
 Wäre sie bei mir, hielte sie mich zurück. 
Vielleicht gibt es so was wie Schicksal.
Vielleicht habe ich alles nur geträumt.
 Doch sie kommt nicht, um mich aufzuhalten. Niemand kommt. Ich gehe los.

Schlendernd, dann mit zügigen Schritten, selbstsicher. Als hätte ich ein Ziel.
 Zerstöre dabei systematisch die kleine Rose.
 Aufrechter Gang. Wie immer, lächeln.
 Sie hat mir beigebracht so zu laufen. Und sie hat mir geholfen, ihnen dabei direkt in die Augen zu schauen, obwohl ich Angst hatte. Und zu lächeln – auch wenn ich innerlich zu zerbrechen drohe.

Scheiß egal wie schlecht es dir geht. Lass sie es nicht merken. Denn das ist das, was sie erreichen wollen.

Habe mir ihren Rat zu Herzen genommen.
 Bin klug, bin emsig, bin charmant. So sehen sie mich.
 Das bin ich.
 Kein Schwächling mehr in ihren Augen. 
Und in meinen? Ein Feigling. Weil ich nicht für mich lebe, schon lange nicht mehr.
 Ich lebe für die, die meinen Namen googlen, bevor sie mich zum Kennenlernen einladen. Mittlerweile wollen sie mich alle. Sie aber nicht. Ich will sie sehr, ich will mich nicht.

Ihr neidischer Blick verfolgt mich, sie gönnt mir nichts. Und trotzdem wollte sie meine Talente aus mir pressen. Als wäre ich Tomatenketchup aus der Tube.
 Gönnt heute keinem mehr irgendwas. Gar nichts. Dabei hab ich doch nur das umgesetzt, was ich gelernt habe, von ihr. Die Fassade perfektioniert.
Damals waren wir unzertrennlich, ich zerbrechlich.
Heute laufen wir einander vorbei wie Fremde.

Die Menschen ziehen angespannt an mir vorbei, sie sind beschäftigt. Mit den Schaufenstern der gefüllten Einkaufsstraße.
 Mit dem Smartphone, dem iPad, dem iPod.

Und Gaffen. Gaffen. Gaffen. Und kaufen. Kaufen. Kaufen.

Ich bin beschäftigt mit meiner Rose, sie hat nur noch drei Blätter. Glaub, ich hab einen Sonnenbrand.

Sie haben keine Zeit, aber genug Zeit, um sich dem Standard anzupassen.
 Ich lächle sie an, dass verunsichert sie. Es amüsiert mich.
 Daniel hat immer gesagt, mein Lächeln ist der Grund, warum er für uns wieder aufsteht. Warum er weiterkämpft. 
Aber er hat den Kampf verloren, ist nicht mehr aufgestanden.
 Ich darf nicht daran denken.
 Zwei Rosenblätter.
 Bleibe immer wieder an den Dornen hängen, lecke mein Blut ab.
 Dunkelrot.

Biege in die Bonzenstraße ab, einfach so.
 Okay, um die verlorenen Seelen mit ihren Statussymbolen auszulachen. Nicht mehr so voll hier, wandelnde Leichen mit goldenen Masken. Zwei Hollister-Typen kommen mir entgegen.
 Der Blonde beißt sich unauffällig auf die Lippen, du meine Güte.
Ich gefalle ihm. Er mir auch.
 Da hat er seinen Blick an mich geheftet, besser gesagt, auf meine Titten. Habe nicht mal einen Ausschnitt an, bitter.
 Ich sollte mir ein Eis holen. 
Ein Rosenblatt.

Das mit den Jungs ist so eine Sache für sich.
 Hab mich paar Mal auf die Typen eingelassen, einfach so.
 Erfahrung sammeln, hat Vera gesagt. Aber Küssen war nicht mein Ding.
 Weiß bis heute nicht, was daran toll sein soll, einem Typen die Zunge in den Hals zu schieben.
 Hab zwischen den Küssen die eigentliche Liebe gesucht, hab sie nicht gefunden. Auf die Erfahrung kann ich heute also scheißen, danke aber auch.
 Vera meinte, ich soll weiter gehen als nur rummachen.

Aber die einzigen Lippen, die mich jemals aus der Fassung gebrachten haben, waren Daniels. Vor einem Jahr, im Park.
 Nachts, als die Stadt schon längst schlief. 
Zwischen der Philosophie und dem Vodka lagen wir plötzlich Arm in Arm, er strich sachte über mein Haar, seine Berührung löste Feuer und Flamme in mir aus – bevor er mir diesen einen Kuss gab, der glühende Flammen in mir regnen ließ. Wenn Facebook anzeigen würde, wie oft ich schon auf seinem Profil war – ich wäre am Arsch. Aber Daniel ist nicht mehr da und ich glaube nicht mehr an den Feuerregen.

Wie wichtig du einem Menschen bist, erkennst du daran, wie oft er sich bei dir meldet.

Mein Handy vibriert, holt mich wieder auf die Bonzenstraße zurück.
 Die Hollister-Typen sind verschwunden.
 „Lust, einen Trinken zu gehen?“
Ich lächle. 
Zeit, um Spaß zu haben. 
Keine Roseblätter mehr. Lasse den Stängel am Straßenrand liegen.
Ich mag keinen Apfelwein“, sage ich kleinlaut. Er weiß es, er zuckt mit den Schultern. Es ist ihm egal. 
Ich brauche keinen Beweis, ich weiß, dass er ein Arschloch ist. 
Und trotzdem sitze ich mit ihm in dieser Bar.
„Warum wolltest du mich sehen?“, frage ich.
 Der Kellner serviert zwei Apfelweingläser. Ich schaue an ihm vorbei.
 Frage mich heute noch oft, ob ich geahnt hatte, wie dieser Abend enden wird.

Genauso wie ich nie sein wollte. Genauso. Nicht mehr, nicht weniger.
 Küssen ohne zu fühlen, wie oft kommt das noch vor? Ich wollte nicht weitergehen.
 Vera wollte es.
Weiß nicht einmal, wie er wirklich heißt. Alle nennen ihn Toni. Was habe ich getan? Habe mit ihm gespielt, seine Bestimmtheit hat mich gereizt. Er ist ein Spielzeug.
 Und ich werde ihn beiseite legen, wenn ich keine Lust mehr habe. Das habe ich gedacht.
Ich hätte ihn enttäuscht, das wollte ich nicht. Und ich wurde selbst enttäuscht. Enttäuschung ist das Ergebnis falscher Erwartungen.

Ich hatte ihn in meiner Hand, so, wie er mich angesehen hat. Dieser Blick.
Wie er mich begehrt hat. Und das Aroma vom Apfelwein streift immer noch um meine Nase. Ich konnte nicht nein sagen. Nicht in dem Moment. In seinem Zimmer.
Es ging alles so schnell, es war so einfach. Der erste Kuss. Es war aber nicht nur ein Kuss. Seine gierige Zunge in der Bar zeigte an, wo lang es in der Nacht noch gehen sollte.
 Es war nichts Beiläufiges, und ich hatte keine Zeit mehr, um zurück zu gehen.
 Ich wollte nicht zurückgehen. Wollte es nicht verstehen.
 Dann wollte es ich es ihm geben – aus Mitleid.

Man bekommt immer zu wenig Liebe, wenn man sie am meisten braucht.

Es war nicht unangenehm, es ist aber auch nicht angenehm. 
Ich bereue es.
Und jetzt, im Nachhinein zieht es sich in meinem Bauch zusammen, wenn ic denke. Der Apfelwein hat sich in meine Geschmacksknospen eingenistet.
 Kann nie wieder Apfelwein trinken. Was soll’s. Hab Apfelwein sowieso noch nie gemocht.
Es ging nicht um ihn. Ich war eine offene, blutende Wunde.
Ich wollte Trost. Körpernähe. Akzeptanz. Balsam. 
Jemanden, der mich fest in seinen Armen hält und mir sagt, dass Daniel wieder zurück kommt – dass Vera und ich wieder beste Freundinnen sind.
Oder einfach jemanden, in dessen Arme ich die Welt kurz vergessen konnte. Und er hat mich in den Stunden die Welt vergessen lassen.
Ich war betrunken.
Jetzt bin ich bin emotionslos.

Ich treffe mich mit Vera, das habe ich gesagt und die schwere Tür schnell hinter mir zugezogen. Keine Zeit für weitere Fragen, keinen Nerv für weitere Antworten. Einfach raus, natürlich mit Vera.
 Doch vor der Haustür wartet keine Vera, vor der Haustür steh ich, allein. Mit dem süßen Duft der roten Rosen.
 Ich pflücke sie nicht, die Dornen haben mich schon oft zum bluten gebracht. Ich suche Rosen ohne Dornen.

Fotoquelle: Pixabay

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