Kolumne: Die magische Sekunde zwischen den Jahren und wieso sich im neuen Jahr doch nichts ändert

Ich mag es nicht, wenn das Jahr endet. Im Laufe des Dezembers schleicht sich diese gewisse Melancholie an, die ihren Höhepunkt zwischen den sogenannten Jahren findet. Sie hängt dann über den frostgefrorenen Dächern der Stadt, in jedem eisigen Atemzug, an jedem beschlagenen Autofenster und zwischen den noch nicht abgehängten Lichterketten am Weihnachtsbaum.

Es ist die Das-war-es-noch-nicht-das-kann-es-doch-nicht-gewesen-sein-Melancholie. Jetzt muss man es noch einmal besonders beweisen. Vor einigen Tagen noch lief mir meine geliebte Nachbarin im Treppenflur entgegen und eröffnete und beendete das Gespräch mit einem besonders breit aufgesetzten Lächeln und „frohe Weihnachten“. Das ändert aber nichts mehr daran, dass ihre gesammelten Karmapunkte bei mir auch im neuen Jahr im Minusbereich starten. Nach Weihnachten wurde es auch nicht besser. Der Kassierer im Supermarkt schweigt für gewöhnlich, nun nuschelt er jedes Mal, bevor er die Kasse zuklappt gebetsartig ein „frohes neues Jahr“ vor sich hin, ohne dabei nach oben zu schauen. Seien wir ehrlich: das nervt, ich verzichte gerne darauf.

Im Freundeskreis werden langjährige Beziehungen überproportional oft in Frage gestellt und Jobs gekündigt. Es herrscht eine allgemeine Veränderungs- und Aufbruchsstimmung

Überhaupt: Plötzlich melden sich Menschen, deren Existenz man beinahe vergessen hatte, im Freundeskreis werden langjährige Beziehungen überproportional oft in Frage gestellt und Jobs gekündigt. Es herrscht eine allgemeine Veränderungs- und Aufbruchsstimmung. Es ist schließlich Dezember und im neuen Jahr, da soll alles besser werden. Für wen soll das gut sein außer für die Fitnessstudios, vor denen man im neuen Jahr dann Schlange steht um einen Knebelvertrag abzuschließen, aus den man nie mehr herauskommt, wenn man einmal unterschrieben hat?

Ich habe ausgiebig recherchiert: die magische Sekunde zwischen den Jahren hat noch nie aus einer Bekanntschaft schlagartig eine Freundschaft gemacht oder eine zerrüttete Beziehung wie aus Zauberhand geheilt. Der Arbeitsplatz wurde durch die magische Sekunde leider auch nicht plötzlich abwechslungsreich und der Couchpotato wurde nicht in Sekunden in einen Fitnessfreak verwandelt. Wir zählen trotzdem an Silvester den Countdown runter: drei, zwei, eins und blicken dabei gebannt auf die Sekundenzeiger unserer Uhren, als würde dann der erste Feuerkörper im Nachthimmel neue, bessere Menschen aus uns machen.   

Niemand möchte hören, dass Freundschaften nicht jährlich wie Äpfel auf Bäumen wachsen und Beziehungen Vergebung und Geduld kosten

Ich wünschte, das wäre tatsächlich so. Das Glück soll mir zugeflogen kommen. Niemand möchte hören, dass eine gute Nachbarschaft Energie kostet und bis zu einem gewissen Punkt, Dinge auszuhalten. Niemand möchte hören, dass Freundschaften nicht jährlich wie Äpfel auf Bäumen wachsen und Beziehungen Vergebung und Geduld kosten. Und das Übergewicht verschwindet leider nicht, nur weil man einen Fitnessstudiovertrag unterschreibt.

Spielverderberin!, ruft ihr mir nun entgegen. Nun, ich freue mich im neuen Jahr besonders auf Nachrichten, die mir zeigen, dass Veränderungen doch innerhalb der magischen Sekunde möglich sind. Weil ich an Wunder glauben will.

28.12.2018

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