Gastbeitrag: Über Wut im Bauch, Wut auf der Straße.

Über die Autorin

Lea Rösner, geb. 1995 hat in Dresden Internationale Beziehungen (B.A.) studiert.

Als ich zum Herbst 2015 zum Studium von Hessen nach Sachsen gezogen bin, war Dresden schon PEGIDA-Hochburg. Gerade angekommen feierte PEGIDA einjährigen Geburtstag und ich bekam zum ersten Mal mit, was es heißt, Auge in Auge mit einem aggressiven Nazi zu stehen, Pfefferspray abzubekommen und dass der Wasserwerfer nicht auf die Rechten, sondern auf uns Gegendemonstrant*innen gerichtet wurde – dass wir irgendwann rannten.

Die Deutschlandfahnenträger*innen treffen sich immer noch jeden Montag, um sich an kollektiver Pöbelei und Hass zu ergötzen.   

Dass in Sachsen und im Osten Rassismus ein Problem ist, dem viel mehr begegnet werden muss, und dass rechte bis rechtsextremistische Strukturen etabliert sind, wurde in der letzten Zeit – seit PEGIDA und spätestens seit den Ereignissen in Chemnitz – ausführlich in den Medien diskutiert. Überhaupt ist das an sich nichts Neues, sondern seit Jahren und Jahrzehnten zu beobachten.   

Nichtsdestotrotz habe ich wahnsinnig gerne in Dresden gewohnt und mich wohlgefühlt. Um meine gesellschaftliche Pflicht zu tun, habe ich mich in der Arbeit mit Geflüchteten, in Bildungsarbeit an sächsischen Schulen bewegt. Ein Freund meinte mal, dass er das für die erfolgversprechendere Handlungsoption hält gegenüber einem ‘auf Demos Gehen und Nazis Anschreien‘. Vielleicht hat er Recht – ich glaube, beides ist wichtig.
Besonders in der letzten Zeit ist aber eins passiert und zwar bin ich wütend geworden, noch wütender als vorher.     

Als der Mob, den es laut Maaßen niemals gegeben hat, auf den Straßen in Chemnitz unterwegs ist, tut es mir leid, dass ich nicht in Sachsen bin 

Im Sommer spreche ich mit einem Freund über die Gerichtsprozesse der rechtsterroristischen „Gruppe Freital“, die u.a. das Hausprojekt, in der er wohnt, mit einem Pflasterstein und mit Buttersäure präparierten Sprengsatz angegriffen hat. Als der Mob, den es laut Maaßen niemals gegeben hat, auf den Straßen in Chemnitz unterwegs ist, tut es mir leid, dass ich nicht in Sachsen bin. Ich weiß jedoch, dass Freund*innen Haltung zeigen – und im Dunkeln von Nazis durch die Stadt gejagt werden. Ein Freund ist Journalist und wird in Chemnitz angegriffen. Seine Adresse ist längst nicht mehr öffentlich einsehbar; das Wissen, dass gestandene Nazis seinen Namen und Gesicht kennen, beunruhigt.

Bei geruhsamen Weihnachtsgesprächen zu Hause in Hessen bin ich dann irritiert. Familie und Freund*innen nehmen den Rechtsruck, der mir Angst macht, so gar nicht wahr. Klar, die AfD ist in den Bundestag eingezogen. Aber es würde doch eine breite Mitte der Gesellschaft geben, die Weltoffenheit und Toleranz befürwortet. Stimmt, und darüber bin ich froh. So wie ich dankbar bin und einen verdammten Respekt vor den Leuten habe, die sich seit Langem und unermüdlich gegen Nazis und rechte Menschen stellen und zwar dort, wo es dringend nötig ist

Er sagt, dass er nicht klarkommt, dass es ihn fucking fertigmacht zu sehen, dass ein (nicht-europäisches) Menschenleben nichts wert ist und wie ungerecht und pervers das System ist, in dem wir uns bewegen.

Aber so einfach ist es dann eben nicht. In Sachsen sind im September Landtagswahlen und obwohl Ministerpräsident Kretschmer weiterhin erklärt, es würde keine Koalition mit der AfD geben, rechnet man mit grandiosen Wahlergebnissen für die AfD und nimmt, gerade in linken Kreisen, eine schwarz-blau geführte Landesregierung als sehr realistische Option wahr. Gleichzeitig scheint niemand so richtig zu wissen, wie damit umzugehen ist und was man jetzt verdammt nochmal unternehmen kann.

Aber nicht nur Sachsen ist an meiner Wut schuld. Am zweiten Weihnachtsfeiertag sitze ich bis zum nächsten Morgen um halb 7 mit einem Freund in einer Berliner Kneipe. Als allererstes erzählt er mir, dass er sich bei „Watch the Med Alarm Phone[ engagiert. Das „Alarm Phone“ ist ein Netzwerk, das über eine Notrufnummer direkt mit geflüchteten Menschen, die sich auf dem Mittelmeer in Seenot befinden oder etwa über die griechisch-türkische Grenze zurückgeschoben werden, in Kontakt steht und sich an die europäischen Küstenwachen, die NGO-Crews auf See etc. wendet. Er sagt, dass er nicht klarkommt, dass es ihn fucking fertigmacht zu sehen, dass ein (nicht-europäisches) Menschenleben nichts wert ist und wie ungerecht und pervers das System ist, in dem wir uns bewegen. Ich frage ihn, ob Menschen, mit denen sie zuerst noch telefoniert hatten, später gestorben sind. – Natürlich. Was für eine Frage.     

Im Sommer hatten wir Demos organisiert und unter dem Namen der „Seebrücke“ orangene Fahnen geschwenkt. Hat das irgendwas gebracht? Sicherlich, reden wir uns ein – aber viel kann es nicht gewesen sein. Seenotretter*innen werden kriminalisiert, das deutsche Asylrecht wurde und wird über die letzten Jahre und laufend verschärft, Heimatminister Seehofer feiert zu seinem Geburtstag Abschiebungen und wenn weniger geflüchtete Menschen in Europa ankommen, liegt das (auch) daran, dass das europäische Grenzregime bis in die Sahara hinein verlagert wird.     

Die Wut muss also herhalten. Die Wut, die wir im Bauch wachhalten und auf die Straße tragen.

Nachdem ich mich ausgekotzt habe, bleibt die Frage nach dem ‘wie geht’s weiter?‘, die sich nie richtig beantworten lässt. Auf jeden Fall wird im nächsten Jahr nicht auf wundersame Weise alles besser werden. Andererseits bringen Negativtrends auch Widerstand hervor. Nachdem mit Donald Trump ein Sexist allererster Güte zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, organisierten Frauen* einen „Women’s March“ in ungeahnten Dimensionen. #MeToo stieß in den verschiedensten Ländern gesellschaftliche Diskurse an.

Die Wut muss also herhalten. Die Wut, die wir im Bauch wachhalten und auf die Straße tragen. Auf die Straße, in soziale Medien, in private Gespräche, in Parlamente. Passt auf euch auf, trinkt genug Sekt, erkennt Missstände und macht den Mund auf. Auf dass 2019 doch weniger beschissen wird als es sich gerade anfühlt.      

Foto : © Herz statt Hetze

30.12.2018


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Ein Kommentar zu “Gastbeitrag: Über Wut im Bauch, Wut auf der Straße.

  1. Solange nicht die Wurzel des Übels beseitigt , sondern nur an den Symptomen rumgedoktert wird, werden wir weiterhin Probleme haben, auf allen Seiten. Die Wurzel ist in meinen Augen die wirtschaftliche Ausbeutung Afrikas durch nichtafrikanische Großkonzerne, ermöglicht letztendlich durch die Kolonialmächte (diese, also „WIR“ waren wohl der Grundstein zu unserer heutigen Situation). Entwicklungshilfe mag gut gemeint sein, ist aber nicht die Lösung. Solange der Rest der Welt mittels seiner Großkonzerne Afrika ausbeutet, solange werden Afrikaner versuchen woanders bessere Lebensbedingungen zu finden. Das ist meine persönliche Meinung. „Die Geister , die ich rief….“ trifft es irgendwie ganz gut.

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