Arme Künstler: Über das gestörte Verhältnis zu der Wertigkeit von Medien und Kultur

Politik & Gesellschaft
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Kultur wird gerne konsumiert und genossen, entsprechend entlohnen möchte man die Freischaffenden dafür allerdings nicht. (c) Foto Karen Arnold.

Luisa hat schon wieder eine fünf im Deutschtest geschrieben. Sie hat Angst, nicht versetzt zu werden und sucht sich eine Nachhilfelehrerin. Die Nachhilfelehrerin hilft Luisa und sie wird versetzt.

Luisa zahlt der Nachhilfelehrerin zehn Euro pro Stunde.

Luisa hat erfolgreich die Schule und das Studium beendet und möchte sich für die Arbeit in der Kulturabteilung bei der Stadtverwaltung bewerben. Dafür muss sie ihre Zeugnisse beglaubigen lassen. Sie sucht sich eine Notarin, beglaubigt ihre Dokumente und kann sich bewerben.

Luisa zahlt der Notarin sechzig Euro.

Draußen legt sich der erste Schnee über die Straßen. Luisa bibbert derweil in ihrem Büro bei der Stadtverwaltung, weil die Heizung nicht funktioniert. Sie ruft beim Klempner an und beauftragt ihn mit der Wartung der Heizung. Er kommt, repariert und Luisa bibbert nicht mehr.

Luisa zahlt dem Klempner 150 Euro.

Luisa organisiert eine Lesung für die Kulturabteilung ihrer Stadtverwaltung. Dafür benötigt sie Mitarbeiter, einen Raum, einen Tontechniker, eine Reinigungskraft, Flyer, und eine Autorin, die etwas vorträgt.

Luisa zahlt den den Mitarbeitern: 500 Euro.
Luisa zahlt für den Raum: 400 Euro.
Luisa zahlt dem Tontechniker: 120 Euro.
Luisa zahlt für die Flyer: 50 Euro.
Luisa zahlt der Reinigungskraft: 80 Euro.
Luisa zahlt der Autorin: 0 Euro.

Auf Nachfrage begründet sie das damit, dass sie der Autorin bereits eine Bühne bietet. Außerdem sei ihr Budget durch die anderen, die arbeiten, bereits verbraucht.

Die ersten Szenarien dürften den meisten bekannt sein, während das letzte Szenario nur Künstler*innen vorbehalten ist. Sie erleben solche Szenarien jeden Tag.

Kultur wird gerne konsumiert und genossen, entsprechend entlohnen möchte man die Freischaffenden dafür allerdings nicht.

Wenn beispielsweise eine freie Autorin auftreten soll, dann doch bitte kostenlos, allenfalls günstig, schließlich sei das eine tolle Chance, um sich zu zeigen! Bei den Medien ist es nicht anders: unbezahlte Praktika in Redaktionen sind an der Tagesordnung. Dabei hat die Idealisierung von Armut in der Branche nicht umsonst einen ausgeprägten Ruf: Noch immer herrscht das romantisierte Bild des Freischaffenden, der im Stillen vor sich hin kritzelt, malt, schafft und von Luft und Liebe lebt.

Wie viele Künstler*innen mussten schon ihre Träume begraben, weil sie in finanzielle Existenzkrisen geraten sind? Ihnen werden ausschließlich solche „Plattformen“ geboten, um sich zu zeigen.
Selbstverständlich braucht es Zeit, um sich auszuprobieren, zu etablieren. Doch wie viele schlecht bezahlte oder kostenlose Veröffentlichungen und Praktika, Preise und Stipendien braucht man, um sich zu beweisen? Von kostenlosen Bühnen und Plattformen kann man kein Brot kaufen oder die Miete bezahlen.

Die Selektion, die dann stattfindet, führt dazu, dass sich die in erster Linie finanziell Privilegierten aus der oberen Mittelschicht in der Branche durchsetzen.

Dann ist es nicht verwunderlich, dass immer wieder dasselbe geschrieben wird; dieselben Analysen, Bewertungen und Kommentare. Man fordert Vielfalt, ohne dafür ein Fundament zu legen.

Niemand erwartet vom Klempner, kostenlos die Heizungsanlage zu reparieren. Niemand erwartet von der Lehrerin, kostenlos zu unterrichten.

Niemand erwartet von der Putzkraft, die Wohnung sauber zu machen, denn die Wohnung sei ihre Bühne. Diese Analogie macht deutlich, welch gestörtes Verhältnis wir zu der Wertigkeit von Medien und Kultur haben.

Dabei geht es nicht nur um eine faire Bezahlung von Künstler*innen, sondern um eine Frage der Haltung ihnen gegenüber und um die Wertschätzung ihres Werks, ihrer Arbeit. Wer in seinem Abendprogramm eine Lesung wünscht, der sollte entsprechend entlohnen. Denn Kunst zu schaffen bedeutet Arbeit. Allein für diejenigen, die es sich nicht leisten können, kostenlos aufzutreten oder zu schreiben, sollte man zwar freundlich, aber bestimmt solche Aufträge ablehnen.

Vor allem sollte man aber auf die folgenden alarmierenden Zahlen der Künstlersozialkasse verweisen, die als Teil der gesetzlichen Sozialversicherung in Deutschland freischaffenden Künstler*innen einen subventionierten Zugang zur gesetzlichen Kranken-, Pfleg- und Rentenversicherung gibt.

Das Durchschnittsbruttoeinkommen aller Versicherten in den künstlerischen Bereichen liegt 2019 bei nur knapp 17000 Euro im Jahr.

Etwas weiter vorn, mit durchschnittlich 21000 Euro, liegen dabei Versicherte aus dem Bereich Wort, also Schriftsteller*innen und Journalist*innen. Dabei erzielen weiblich Versicherte durchschnittlich 25,11 Prozent weniger Einkommen als ihre männlichen Kollegen. Im Bereich Musik liegt das Durchschnittsbruttoeinkommen bei spärlichen 14000 Euro. Dass Künstler*innen damit nicht nur stark von Armut, sondern auch von Altersarmut betroffen sind, ist dabei kein Geheimnis.

Auch im Bereich der öffentlichen Kulturförderung sieht es für Freischaffende düster aus: Zuletzt hat das Kulturradio des Rundfunk Berlin-Brandenburg Kultursparpläne angekündigt. Ab 2021 sollen eine Million Euro gestrichen werden.

Das alles wirft die Frage auf: Was ist uns Kunst als Gesellschaft wert?

Offensichtlich haben wir in Deutschland ein Kulturproblem. Zum einen liegt es daran, dass die Gesetzmäßigkeit der Kunst in der Regel nicht auf Profit und Wachstum basiert, auch wenn sie immer mehr notgedrungen in profitable Marketingmuster adaptiert wird. Kunst muss unabhängig für sich stehen und damit über sich hinauswachsen können. Die Anpassung der marktwirtschaftlichen Logik auf die Künste ist fatal, denn sie führt dazu, dass die Gesellschaft an kreativer Vielfalt verliert.

Gerade weil die Gesetzmäßigkeiten der Künste in Widerspruch zu der freien Wirtschaft stehen, brauchen wir eine gefestigte staatliche Kulturförderung, um sie beizubehalten.

Nicht nur deshalb stellt der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Alternative zu privaten Clickbait-Medien dar, die in der freien Wirtschaft auf den Profit angewiesen sind. Denn der öffentlich – rechtliche Rundfunk fördert mit seinem umfassenden Kulturprogramm als einer der wenigen Medien die aussterbenden Künste und damit die vierte Säule der Demokratie.

Wir müssen uns die Kunst bewahren. Ein Anfang wäre getan, wenn wir die Leistungen von Künstler*innen als Arbeit anerkennen und entsprechend entlohnen. Deshalb sei allen Mitarbeiter*innen wie Luisa – im Privaten, aber vor allem in den städtischen und somit öffentlichen Medien- und Kulturabteilungen geraten, auch die Künstler*innen in die Budgetplanung mit einzubeziehen.

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