Vogelfrei

Diese Kurzgeschichte handelt von der Thematik der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (#hatespeech). Sie wurde 2020 mit dem 3. Platz des Nachwuchsautorenpreises „Hessischens Literaturforum Hessen-Thüringen“ ausgezeichnet.

Eine junge Frau liegt alleine auf dem Sofa in einer Wohnung eines mehrstöckigen Wohnhauses. Es ist ein kalter Freitagabend im Dezember. Es soll schneien. Vielleicht schneit es auch schon, sie weiß es nicht. Ihre halbleere Rotweinflasche steht neben dem Sofa.

Sie hat die Heizung runtergedreht und sich ein schwarzes Nachthemd angezogen. Die Benachrichtigungsfunktion auf ihrem Handy hat sie ausgestellt. Ihre Wangen sind gerötet, sie hält das Handy mit beiden Händen fest, schaut auf den Bildschirm und lacht. Bergziegen, die versuchen, einen Hang hochzuklettern.

Das Video stoppt. Das Display leuchtet auf. Es ist ihr Kollege.

Sie steht auf, streckt sich und geht in die Küche. Bevor sie den Anruf annimmt, öffnet sie das gekippte Fenster. Kalte Luft schlägt ihr entgegen. Sie betrachtet die Gestalten in den Wohnungen im Nachbarhaus. Einer sitzt mit dem Laptop am Küchentisch.

Die Haare an ihrem Körper richten sich auf.

„Ich habe gerade das Bergziegen-Video gesehen.“


Nach dem Mittagessen werde ich nicht mehr arbeiten. Was nicht vor dem Mittagessen erledigt ist, wird auch danach nicht mehr erledigt. Sie legt die Akten beiseite und nimmt das Handy in die Hand. Sie wird gleich den neuen Kollegen fragen, ob er mit in die Kantine will. Vorher scrollt sie durch die sozialen Netzwerke.

„Wenn du deinen Post nicht löschst, polier ich dir die Fresse.“

Sie massiert sich die Schläfe, steckt das Handy in ihre Hosentasche und zieht ihren Mantel an. Sie klopft an die Bürotür des Kollegen, der noch am Schreibtisch sitzt. Er blättert durch eine Akte.

„Wollen wir zusammen in die Kantine gehen? Es gibt Erbsensuppe und frisches Gemüse mit Bockwurst.“


An den letzten Film, den sie im Kino gesehen hat, kann sie sich nicht mehr erinnern. „Seitdem es Streaming-Portale gibt, geht doch niemand mehr ins Kino“, versucht sie dem Kollegen nach Feierabend zu erklären. „Im Kino kannst du außerdem nicht vor- oder zurückspulen. Kannst die Wiedergabegeschwindigkeit nicht ändern. Kannst nicht laut reden.“

Jetzt sitzt sie trotzdem im Kinosaal. Die Werbung läuft schon. Sie stellt das Handy auf stumm, wischt die neuesten Benachrichtigungen schnell beiseite und steckt das Handy in die Hosentasche. Den Vibrationsalarm lässt sie an.

Der Film beginnt, das Handy vibriert in ihrer Hose. Sie schaut zum Kollegen. Er schaut nach vorn. Das Handy vibriert noch mal. Vorsichtig zieht sie es aus der Hosentasche. Der Bildschirm leuchtet grell auf.

„Wir sind im Kino!“, zischt jemand. Sie klickt auf die Benachrichtigungen.

„Gibt genug Deutsche, die für ein Euro arbeiten, um zu überleben. steckt es den asi-Pack ruhig in den arsch. erschossen gehören die.“

Scheiße. Sie steht auf. „Ich geh kurz aufs Klo“, flüstert sie dem Kollegen zu. Dann stellt sie sich vor den Kinosaal und löscht verzweifelt Kommentare.


Draußen ist es schon dunkel. Mit der einen Hand schließt sie die Wohnungstür auf, während sie mit der anderen noch tippt. Sie hat eine leichte Migräne. Im Bad zieht sie ihre Kleider aus und schiebt sie mit den Füßen zur Seite. Das Handy stellt sie auf laut, macht Musik an und lässt es am Waschbecken liegen. Sie dreht die Dusche auf. Das kalte Wasser prallt auf den Boden. Sie dreht das heiße Wasser auf, wartet und stellt sich dann unter den Duschkopf. Warum ist das Wasser anfangs immer zu kalt oder zu heiß.

Die Musik verstummt, das Handy klingelt. Neue Kommentare unter ihrem Post. Sie schäumt ihre Haare ein. Ihr Handy klingelt wieder und wieder. Sie tappt aus der Dusche und greift es mit nassen Händen. Schaum kommt in ihr rechtes Auge und brennt.

„Wir schaffen das? Mutti hat gelogen. Welche Fachkräfte? Abschieben. Oder Zyklon B. Hat vor 75 Jahren auch geholfen.“

Sie starrt die Nachricht an. Jetzt brennen beide Augen. Sie versucht die Nachricht sofort zu löschen. Der Bildschirm reagiert nicht. Er ist nass. Scheiße. Sie läuft zurück unter die Dusche und wäscht sich hektisch das Shampoo aus den Augen. Das Handy klingelt weiter.


Irgendetwas hat sie geweckt. Der Wecker zeigt 04.49 Uhr morgens an. Sie dreht sich noch einmal um, greift doch zum Handy: unzählige ungelesene Kommentare. Ich kann ja kurz durchscrollen. Knapp drei Stunden kann ich ja dann noch schlafen. Der Bildschirm ist zu hell. Ihre Augen müssen sich an das Licht gewöhnen.

„Früher hätten wir dich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aber auch heute kriegen wir dich noch. Meinst du bist was besseres. Wir wissen wo du arbeitest Wir stechen Dich ab!“

Sie ist gelähmt. Immer und immer wieder liest sie den Kommentar. Scheiße. Was, wenn die wirklich wissen, wo ich arbeite? Die restlichen Stunden am Morgen verbringt sie damit, sich im Internet zu googeln, bis der Wecker klingelt. Sie entfernt auf den sozialen Netzwerken ihre beruflichen Stationen. Es steht hoffentlich sonst nirgends, wo ich arbeite, wo ich lebe. Sie macht einen Screenshot, wer weiß. Dann löscht sie den Kommentar.


„Wollen wir Mittagessen? Es gibt Kräuterquark mit gebackenen Kartoffelspalten und buntem Salat.“ Ihr Kollege steht am Türrahmen.

„Gleich … Ich muss wenigstens eine Akte fertigkriegen“.

Sie stochert in den Kartoffelspalten rum.

„Du siehst krank aus“, sagt der Kollege.

„Ich habe schlecht geschlafen.“ Sie holt das Handy aus ihrer Hosentasche. „Hier, schau. Ich hatte überlegt, Anzeige zu erstatten.“

Der Kollege liest und schüttelt den Kopf: „Da hast du eh keine Chance … Außerdem wissen sie dann erst recht wo du wohnst.“

„Kann man das in der Anklageschrift nicht schwärzen?“

Sie schaut durch die Kantine. Das sind doch alles zivilisierte Menschen.

„Das sind eh nur leere Drohungen. Vielleicht steckt auch nur eine Maschine dahinter.“ Der Kollege isst seine letzte Kartoffelspalte auf und blickt auf ihren Teller.

„Hier … Kannst auch meine haben.“ Sie tauschen.

„Schau mal“, sagt der Kollege nach einer Weile. Er holt sein Handy raus. Katzenbabys.

„Ich schicke dir nachher noch mehr Videos.“


Eine junge Frau sitzt alleine auf dem Sofa in einer Wohnung. Es ist ein kalter Freitagabend im Dezember. Es soll schneien. Vielleicht schneit es auch schon, sie weiß es nicht. Ihre halb leere Rotweinflasche steht neben dem Sofa.

Sie hat die Heizung runtergedreht und sich ein schwarzes Nachthemd angezogen. Die Benachrichtigungsfunktion auf ihrem Handy hat sie ausgestellt. Ihre Wangen sind gerötet, sie schaut auf den Bildschirm des Handys und lacht. Bergziegen, die versuchen, einen Hang hochzuklettern.

Das Video stoppt. Das Display leuchtet auf. Es ist ihr Kollege.

Sie steht auf, streckt sich, geht dann in die Küche. Bevor sie das Handy abhebt, öffnet sie das gekippte Fenster. Sie betrachtet die Gestalten in den Wohnungen im Nachbarhaus. Einer sitzt mit dem Laptop am Küchentisch.

Die Haare an ihrem Körper richten sich auf. Sie fröstelt.

„Ich habe gerade das Bergziegen-Video gesehen.“

Dieser Text wurde veröffentlicht in:

  • Anthologie „Nagelprobe 37“ (Allitera Verlag), herausgegeben vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Thüringer Staatskanzlei

Über die Autorin

Farnaz Nasiriamini arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Sie hat einen BA-Abschluss in Politikwissenschaft, Soziologie und Ökonomie mit Fokus auf den Bereich der Politischen Kommunikation an der Zeppelin Universität Friedrichshafen erworben. Aktuell studiert sie Rechtswissenschaft in Gießen.

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