Das Lächeln

Über das berühmteste Lächeln der Welt, den Art. 1 GG und den Wert eines Menschen.

Es ist kurz nach Mitternacht. Nur noch die letzte Flamme einer kleinen Kerze erleuchtet den Raum. Konzentriert nimmt er seinen Pinsel in die Hand, betrachtet ihn behutsam von allen Blickwinkeln, taucht ihn schließlich in dunkle Ölfarbe. Wusste er, wen er in die Unsterblichkeit berufen würde, als die Spitze seines Pinsels zum ersten Mal das dünne Holz berührt hatte? Langsam, aber sicher, über Jahrhunderte hinweg entstand das Rätsel, das die Welt einmal auf den Kopf stellen sollte.

Sie sagen, dass sie besonders ist. Absolut einzigartig, verschlossen, hinter kugelsicherem Panzerglas. Unglaubliche Faszination, geprägt durch ihr geheimnisvolles Lächeln auf dem Ölgemälde. Ich starre Lisa an. Sie schaut an mir vorbei. Oder doch nicht? Zwei Wachmänner stehen schützend um sie herum. Ich stehe genau fünf Meter vor ihr. Aber die Absprengung trennt uns. Die Masse drängt. Alle wollen sie. Weil sie begehrt ist. Außergewöhnlich. Gib mir dein Lächeln, denke ich. Ja, die Mona Lisa ist absolut einzigartig.

Was ist mit uns? Wir Menschen? Ist nicht jeder von uns auch so einzigartig? Sollte nicht jeder von uns auch so wertvoll behandelt werden wie die Mona Lisa? So müsste es doch sein, wenn jeder von uns so einzigartig ist. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Ist sie das wirklich? Dieser Artikel scheint fragwürdig zu sein, wenn man einen Blick auf unsere wunderbare Welt wirft.

Denn dann dürfte es, könnte es doch gar nicht sein, dass Menschen hungern müssen, weil jeder alles und noch viel mehr besitzen müsste. Denn dann dürfte es, könnte es gar nicht sein, dass Menschen aufgrund ihrer politischen, religiösen oder moralischen Einstellung verfolgt und gefoltert werden.

Dann dürfte es, könnte es doch gar nicht sein, dass Menschen aufgrund ihres Seins als wertvoller oder minderwertiger erachtet werden, denn ihre Identität wäre unersetzbar und absolut außergewöhnlich.

Müsste nicht jeder von uns auch einen Tresor um sein Herz tragen? Einen Tresor, der uns vor allen Übeln dieser Welt schützt. Der uns „unantastbar“ erscheinen lässt. Der uns wie ein unsichtbares Medaillon Würde verleiht.

Wie kann ein Gemälde wertvoller sein als ein Mensch? Das Gemälde, das nicht umarmen kann, wenn man Trost braucht. Das Gemälde, das dich nicht anlächeln und sagen kann: Ich bin da. Wer würde Millionen von Euro für einen Flüchtlingsjungen opfern, der nichts für sein Schicksal kann? Ein Mensch, der in Zukunft sogar Trost, eine Hilfe, Liebe in Person sein kann? Wer? So absurd es doch klingt: Die Mona Lisa, ein Gemälde, wird in unserer Gesellschaft mehr geschätzt als der kleine Waisenjunge.

Wo ist denn diese Einzigartigkeit?
Die Mona Lisa besitzt sie.

Warum werden Gegenstände für wertvoller erachtet als das kleine Mädchen mit den leuchtenden Augen und dem müden Lächeln, das auf den Straßen der Champs Elysees lebt und um etwas Brot bettelt, aber nur verhöhnendes Gelächter ins Gesicht und Speichel auf ihre kleinen weichen Hände gespuckt bekommt? Ein solches Vermächtnis wird sie ihr ganzes Leben auf den Händen tragen, eingeschlossen von tiefen Wunden.

Die Millionen gehen nicht an den Waisenjungen, nicht an das um Brot bettelnde Mädchen. Nein, sondern an die Mona Lisa. Denn das Wesentliche ist wirklich für das menschliche Auge unsichtbar. Man sagt: Kapitalismus ist Egoismus zum System erhoben.

Einzigartig? Wertvoll? Nachdenklich steht das junge Mädchen vor der Mona Lisa und betrachtet sie. Diese Frau ist mehr wert, denkt sie verächtlich.

April 2010.
Fotoquelle: pixabay.com

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